Das Glück der Anderen

 

Im Großen und Ganzen bin ich in meiner Wahlheimat Hamburg angekommen. Auch, wenn ich es oft vermisse meine Berliner Freunde spontan zu einem Filmabend oder auf einem Konzert zu treffen.

Beruflich bin ich hier noch immer nicht angekommen.

 

In letzter Zeit haben viele aus meinem Umfeld tolle Jobs in großen, namenhaften Unternehmen, Behörden oder Institutionen begonnen. Ich dagegen habe seit sechs Jahren das Gefühl immer auf der Stelle zu treten oder viel mehr zurück zu gehen.

 

Zugegeben: Ich bin etwas neidisch und zugleich frustriert. 

Was haben sie, was ich nicht habe? Oder haben sie einfach mehr Glück?
Ich weiß, dass es hier keine richtige und keine falsche Antwort gibt.

 

Ich habe bei mir eine Art Bumerangeffekt beobachtet. 

Im Mai letzten Jahres habe ich meinen unbefristeten Job gekündigt - ohne etwas Neues zu haben. Für mich schon sehr gewagt, da ich das Risiko nicht besonders mag und lieber weiß, was morgen ist.

Ich wollte einen kompletten Neuanfang. Kein Kundenservice mehr.

Und was mache ich aktuell wieder? Genau dasselbe. Wenn gleich es zu faireren Bedingungen läuft, ist es wahrlich nicht der Neuanfang, den ich ursprünglich wollte.

 

In der Firma, in der ich gerade arbeite, ist eine Vakanz offen. Sie vereint das, was ich aktuell Tag für Tag mache mit einer Führungs- und Assistenzposition. 

Mit meinen mittlerweile fünf Jahren Berufserfahrung im Bereich Kundenbetreuung wüsste ich persönlich nicht, was dagegen spricht mich für diese Position einzuarbeiten. Bisher hatte ich noch nicht die Möglichkeit Führungskompetenzen zu sammeln, aber jeder fängt einmal an. Und schließlich möchte ich mich beruflich weiter entwickeln und mehr Verantwortung übernehmen - wollte ich schon immer.

 

Ich vermute, ich entspreche nicht dem klassischen Bild einer Führungsposition. 

Ich bin mit knapp 1,50 m Körpergröße ziemlich klein, was u.a. auch meiner Behinderung geschuldet ist.
Es fördert nur leider den Niedlichkeitsfaktor. 

Zudem kann ich körperlich bedingt keine High Heels & Co tragen - so gern ich auch manchmal würde. Wahrscheinlich wirke ich mit Turnschuhen nicht seriös genug. 

Wäre ich mindestens 1,70 m groß, hätte ich automatisch schon eine ganz andere Wirkung auf mein Gegenüber, da bin ich mir sicher.

 

Ich bin fleißig und ehrgeizig - eigentlich. Aber auch diese Eigenschaften schwinden mit jeder Absage und Enttäuschung.

 

Wenn ich die Perspektive ändere, ist mir bewusst, dass auch ich „das Glück der Anderen“ für jemanden sein kann. Menschen, die vergleichsweise wirklich krank sind. Die dauerhaft im Rollstuhl sitzen, nicht mehr alle Gliedmaße haben, die vielleicht nicht mehr lange zu leben haben. 

 

Ich weiß, dass diese Menschen selbst mit mir gerne tauschen würden, mich als glücklich bezeichnen würden.
Ich weiß, dass sie recht haben.

 

Ich muss an Daniel Meyer („Dieses bescheuerte Herz“) denken.

Ich habe zum Jahreswechsel (endlich) das Buch gelesen, das vor einigen Jahren erschienen ist und bisher ungefähr genau so lange bei mir ungelesen zu Hause lag. 

Nun bereue ich es fast, dass ich es erst jetzt gelesen habe, aber vielleicht war genau jetzt der richtige Zeitpunkt dafür.

Denn im Grunde war diese Geschichte der allerletzte Stein des Anstoßes diesen Blog endlich zu starten.

 

Wenn ihr das Buch noch nicht gelesen habt, solltet ihr es unbedingt tun.

Ich habe den Film bislang noch nicht gesehen. Ich glaube, dass er nicht diesen Spirit vermitteln kann, den ich beim Lesen gespürt habe.

 

Mich hat die ganze Geschichte so bewegt und fasziniert. Sie beschäftigt mich noch immer. 

Zum Teil habe ich mich selbst in Daniel wieder erkannt - auch wenn unsere Krankheitsgeschichten unterschiedlicher nicht sein könnten.

 

Ich habe im Dezember gelesen, dass bei Daniel für Januar eine Rücken-OP geplant war.

 

Ich hoffe, es geht ihm gut.